Erwerbstätigkeit und Ernährungsversorgung

Studie charakterisiert unterschiedliche Mutter-Typen

14.10.2008 Melanie Kirk-Mechtel

In einer hauswirtschaftlichen Studie wurden sieben verschiedene Typen von Müttern charakterisiert, die sich in ihrer Rolle als Ernährungsversorgerin stark unterscheiden.

„Zu wenig Zeit für gemeinsame Mahlzeiten“, „keine Zeit zum Kochen“ und ähnliche Aussagen werden häufig herangezogen, um den veränderten Lebensstil von Familien aufzuzeigen, der beispielsweise für den dramatischen Anstieg von Übergewicht bei Kindern verantwortlich gemacht wird. Weit verbreitet ist die Auffassung, dass in Folge zunehmender Berufstätigkeit beider Elternteile regelmäßige Mahlzeiten im Kreise der Familie immer seltener einen Platz haben.

Dass diese Aussage sehr verallgemeinernd ist, zeigt eine aktuelle hauswirtschaftliche Studie. Durch die Auswertung von Zeitbudgetdaten und Interviews mit Müttern in interschiedlichen Lebenssituationen konnten die Wissenschaftlerinnen sieben verschiedene Ernährungsversorgungstypen charakterisieren, die im Folgenden beschrieben werden.

Typ 1: Die familienorientierten Traditionalistinnen

In Familienhaushalten dieses Typs haben die Mütter trotz hoher Berufsqualifikation den Umfang ihrer Erwerbstätigkeit reduziert, um ihre Kinder mit einem warmen und gesunden Mittagessen versorgen und sie am Nachmittag betreuen zu können. Häufig entfällt in Familien mit älteren Schulkindern die gemeinsame Abendmahlzeit zugunsten der Freizeitaktivitäten. In diesen Familien besteht eine typische Rollenverteilung, sodass die Vollzeit arbeitenden Väter nicht in die Planung und Zubereitung der Mahlzeiten eingebunden sind. Die familienorientierten Traditionalistinnen sind mit ihrem Beruf und mit ihrer Rolle als Ernährungsversorgerin gleichermaßen zufrieden. Dieser Typ kommt am häufigsten vor.

Typ 2: Die ambivalenten Ess-Individualistinnen

In diesen Familien lässt sich eine Ablösung von typischen Essenszeiten beobachten, besonders morgens und abends. Trotz der hohen Familienorientierung und flexibler Arbeitszeit haben die Mütter abends gerne Zeit für sich, sodass es nur selten gemeinsame Mahlzeiten mit allen Familienmitgliedern gibt. Mittags werden gerne Angebote im Kindergarten oder die Hilfe der Großmütter in Anspruch genommen. Die fehlenden werktäglichen gemeinsamen Mahlzeiten sollen am Wochenende kompensiert werden. Da in dieser Gruppe häufig Ernährungs- und Gewichtsprobleme angesprochen wurden, ist zu vermuten, dass Alltagspraktiken vorherrschen, die einer ausgewogenen Ernährungsweise entgegenstehen. Die Frauen selbst sind mit der Ernährungsversorgungs-situation ihrer Familie zufrieden.

Typ 3: Die pragmatischen Selbständigen

Mütter dieser Gruppe haben Kinder, die bis zu 6 Jahre alt sind. Beide Eltern sind beruflich hoch qualifiziert und arbeiten Vollzeit. Die Mütter haben sich bewusst für die berufliche Selbständigkeit entschieden, um Beruf und Kindern gleichermaßen gerecht werden zu können. Durch diese Lösung ist es möglich, dass alle drei Hauptmahlzeiten gemeinsam stattfinden können. Um Zeit zu sparen greifen die Mütter gerne auf Konserven, Tiefkühlgemüse und Fertiggerichte zurück. Der ernährungsphysiologische Wert der Mahlzeiten ist ihnen weniger wichtig als die soziale Funktion des gemeinsamen Essens. Die Kinder werden schon früh selbständig, da sie in die Essensvorbereitungen mit einbezogen werden. Trotz der hohen Belastung sind die selbständig erwerbstätigen Frauen mit ihrer Gesamtsituation zufrieden, nicht zuletzt, weil sie durch ihre Partner so weit es geht unterstützt werden.

Typ 4: Die berufsorientierten Netzwerkerinnen

Diese Frauen fühlen sich durch ihren hohen Anspruch in Beruf und Ernährungsversorgung deutlich belastet. Den Müttern ist ein warmes Mittagessen sehr wichtig, das sie an öffentliche Netzwerkhilfen wie Tagesmütter, Haushaltshilfen etc. delegieren. Großmütter stehen oft nur in Notfällen zur Verfügung. Nach einem hektischen Frühstück, einem nicht zu Hause eingenommenen Mittagessen gibt es abends ein gemeinsames warmes Essen. Dieses sollte zwar nach dem Wunsch der Eltern ruhig und genussvoll sein, aber dafür reicht die knappe Zeit unter der Woche meist nicht. Die gute Versorgung der Kinder ist den Müttern wichtiger als die eigene Versorgung: Sie gaben an, meist losgelöst von einer festen Essenszeit von zu Hause mitgebrachte Speisen zu verzehren, was eine Mutter treffend als „PC-Picknick“ bezeichnete. Für die Partner ist es selbstverständlich, die Mütter zu entlasten und sich an den Arbeiten im Haushalt zu beteiligen. Trotzdem sehen die Frauen sich als Hauptverantwortliche, denen ein hohes Maß an Selbstdisziplin abverlangt wird, um eine zufrieden stellende Ernährungsversorgung der Familie zu realisieren.

Typ 5: Die überlasteten Einzelkämpferinnen

Die Ausübung einer Vollzeitstelle dient in dieser Gruppe der Einkommenssicherung. Die Mütter haben nur geringe Ausbildungsqualifikationen. Entlastung durch Netzwerkhilfen wie Tagesmütter, Kindermädchen etc. ist wegen der finanziellen Lage und fehlenden Kontakten nicht möglich. Die Mütter haben ein ausgeprägtes traditionelles Selbstbild ihrer Rolle als Mutter und Versorgerin. Daher ist die tägliche Bereitstellung eines warmen, reichhaltigen und wohl schmeckenden Essens ein fester Bestandteil, auch wenn es nicht immer möglich ist, gemeinsam zu essen. Die gemeinsamen Mahlzeiten werden am Wochenende ausgiebig nachgeholt. Gesundheitliche Kriterien stehen hier hinter persönlichen Geschmacksvorlieben. Trotz großer Kraftanstrengungen schöpfen die Mütter aus den Ernährungsversorgungstätigkeiten persönliche Zufriedenheit und Anerkennung, die ihnen am Arbeitsplatz fehlt. Die traditionelle Wertorientierung dieses Typs zeigt sich auch in der alltäglichen Arbeitsteilung zwischen den Partnern: Die Väter sind nur in Ausnahmefällen in der Küche anzutreffen.

Typ 6: Die entspannten Unkonventionellen

In diesen Familien wird wie bei Typ 2 ein Großteil der Mahlzeiten zu unterschiedlichen Zeiten eingenommen. Die Vollzeit arbeitenden, hoch qualifizierten Mütter sind stolz, dass ihre Kinder im Teenageralter selbständig sind und sich inzwischen gut alleine versorgen. Meist gibt es am Abend eine gemeinsame Mahlzeit. Die große Wertschätzung für das gemeinsame Abendessen zeigt sich in hohem Zeitaufwand für die Zubereitung und die Verwendung von frischen Zutaten. Beim Essen stehen Genuss und Gespräche im Vordergrund. Die Mütter erreichen eine hohe Übereinstimmung zwischen ihrem Idealbild als berufstätige Mutter und dessen Umsetzung und sind daher mit der Ernährungssituation der Familie zufrieden.

Typ 7: Die aufopferungsvollen Umsorgerinnen

Die Frauen gehören zur Berufsgruppe der Arbeiterinnen und besitzen geringe Berufsqualifikationen. Die persönliche Identifikation mit der Rolle als Mutter ist hier wie bei Typ 5 stark verankert. Die Frauen versorgen mit Freude ihre noch im Haushalt lebenden erwachsenen Söhne und ihren Mann. Gemeinsame Mahlzeiten werden aber unter der Woche nicht angestrebt. Abends wird den Familienmitgliedern ein reichhaltiges, warmes Abendessen aufgetischt, egal was im Laufe des Tages schon gegessen wurde. Gesundheitliche Aspekte spielen eine untergeordnete Rolle, vielmehr soll das „gute“ Essen und Trinken Defizite in anderen Lebensbereichen ausgleichen. Trotz knappem Haushaltsbudget wird außerplanmäßig eingekauft, um sich etwas zu gönnen. Auffallend ist auch die hohe Akzeptanz von Fast-Food und Bring-Dienstleistungen. Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten sind in diesen Familien weit verbreitet. Die Mütter sind mit ihrer Rolle als Ernährungsversorgerin sehr zufrieden und ziehen daraus persönliche Bestätigung. Die fehlende Mithilfe der Männer wird von den Frauen nicht in Frage gestellt.

Quelle: Hauswirtschaft und Wissenschaft 3/2008, Erwerbstätigkeit von Müttern und familiale Ernährungsversorgung zwischen privatem und öffentlichem Raum (A. Möser, U. Zander, J. Köhler, I.-U. Leonhäuser, U. Meier-Gräwe)

Der Artikel Erwerbstätigkeit und Ernährungsversorgung in Kinder & Karriere unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Erwerbstätigkeit und Ernährungsversorgung ist Melanie Kirk-Mechtel.
Mutter im Stress, obs/Douwe Egberts Coffee & Tea Consumer Products Mutter im Stress
   
;